2 Forschungslogik und Typen von In-situ-Designs
In-situ-Studien sammeln Erfahrungen über die Realität anhand konkreter Situationen im Alltag von Menschen. Damit legen sie den Fokus auf die direkten und möglichst unmittelbaren Selbstauskünfte über Kognitionen, Emotionen und Verhalten in der natürlichen Umgebung (vgl. Hektner et al., 2007; Larson & Csikszentmihalyi, 1983). In-situ-Studien erfassen nicht nur eine, sondern mehrere Situation im Alltag, um ein möglichst realistisches Abbild des Alltags zu schaffen (zur Frage der Auswahl dieser Situationen siehe Abschnitt 6.3). Die Erhebung erfolgt möglichst zeitnah, also in situ, um eine zuverlässige Messung des menschlichen Erlebens zu ermöglichen. Beide Aspekte – die Messung im Alltag und die zeitnahe Erhebung – sind wichtige Merkmale von In-situ-Studien, die dazu beitragen, dass sie eine hohe ökologische Validität – eine Facette der externen Validität – aufweisen, also realitätsnahe Ergebnisse liefern.
Externe Validität bezeichnet die Allgemeingültigkeit der Ergebnisse, ihre Generalisierbarkeit und Repräsentativität. Sie ist abhängig vom gesamten Studiendesign, vor allem aber von der Stichprobenziehung und ‑realisierung. Davon abzugrenzen ist die interne Validität, also die Möglichkeit, einen strengen Kausalschluss zwischen Ursache und Wirkung zu ziehen. Streng genommen gelingt dieser Anspruch ausschließlich unter künstlichen Bedingungen, also in Laborexperimenten. Interne und externe Validität stehen in einem „hydraulischen Verhältnis“ (Koch et al., 2025, S. 57) zueinander: Je strenger die interne Validität kontrolliert wird und Störvariablen ausgeschlossen werden, umso weniger realitätsnah ist eine Studie und umgekehrt.
Beabsichtigen wir also beispielsweise, mehr über die Podcastnutzung junger Erwachsener zu erfahren, so würde eine In-situ-Studie nicht allgemein danach fragen, welche Podcasts die Befragten normalerweise nutzen und wie häufig sie dies tun, sondern die Teilnehmer:innen würden mehrmals zu der aktuellen oder einer kurz zurückliegenden Situation befragt, in der sie einen Podcast gehört haben. Durch diese Art der Erhebung ermöglichen In-situ-Studien die Betrachtung der Vielfältigkeit menschlichen Alltags nicht nur mit Blick auf Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen (interindividuelle Unterschiede), sondern auch hinsichtlich der Vielfältigkeit des Verhaltens, der Kognitionen und Emotionen einer einzelnen Person (intraindividuelle Unterschiede).
In-situ-Studien erfassen wiederholt und zeitnah per Selbstbericht Alltagssituationen. Sie weisen eine hohe ökologische Validität auf und erlauben Untersuchungen von Unterschieden zwischen Personen (interindividuell) sowie von (zeitlichen) Veränderungen innerhalb von Personen (intraindividuell).
Innerhalb dieser Grundlogik des Studiendesigns finden sich zahlreiche Varianten. Diese Heterogenität wird durch unterschiedliche Begriffsverwendungen noch unübersichtlicher. Oftmals werden die gleichen Vorgehensweisen unterschiedlich bezeichnet oder umgekehrt unterschiedliche Vorgehensweisen mit dem gleichen Begriff belegt. Wenn wir Unterschiede von In-situ-Designs differenzieren, lehnen wir uns in diesem Buch an die Begrifflichkeiten von Schnauber-Stockmann und Karnowski (2020) an, verweisen aber an den jeweiligen Stellen auf alternative Begrifflichkeiten und Einteilungen.
Zunächst lassen sich zwei Haupttypen von In-situ-Studien unterscheiden (vgl. Abbildung 2.1): Tagebuchstudien und ESM-Studien.
Tagebuchstudien lassen sich in tägliche Tagebuch- und Intervalltagebuchstudien unterteilen. Wie es der Name nahelegt, geben die Teilnehmer:innen in täglichen Tagebuchstudien (daily diaries) einmal am Tag, meist am Tagesende, Auskunft über ihr Verhalten und ihr kognitives bzw. emotionales Erleben im Laufe dieses Tages oder eines bestimmten Abschnitts des Tages. Üblicherweise bestimmen die Teilnehmer:innen selbst, wann genau sie das Tagebuch ausfüllen. Tägliche Tagebuchstudien erheben also wiederholt (in der Regel an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen) bei denselben Teilnehmer:innen Informationen, die sich auf einen bestimmten Tag beziehen, nicht aber auf eine spezifische Situation. In einer Daily-Diary-Studie zur Podcastnutzung würden die Teilnehmer:innen also einmal am Tag zu einem selbst gewählten Zeitpunkt, der in den Abendstunden liegt, berichten, ob sie an diesem Tag Podcasts gehört haben, wenn ja welche, wie lange die Nutzung insgesamt gedauert hat etc. Ein Beispiel für eine tägliche Tagebuchstudie ist die Studie von Schnauber-Stockmann & Naab (2019), die hier als Studiensteckbrief vorliegt.
Im Unterschied zu täglichen Tagebuchstudien geben die Teilnehmer:innen in Intervalltagebuchstudien (interval diaries) – meist über mehrere Tage hinweg – mehrmals täglich Auskunft über ihr Verhalten, ihre Kognitionen und Emotionen. Sie beziehen sich dabei immer auf vordefinierte Zeitabschnitte (Intervalle) innerhalb dieses Tages. Auch in diesen Studien handelt es sich um Selbstauskünfte der Teilnehmer:innen, allerdings nicht in Bezug auf eine spezifische Situation, sondern auf längere Zeitabschnitte im Laufe des Tages. Die Teilnehmer:innen erhalten durch ein Signal jeweils zum Ende des Intervalls die Aufforderung, den Tagebucheintrag vorzunehmen. Im Vergleich zu täglichen Tagebüchern ist der In-situ-Charakter von Intervalltagebuchstudien ausgeprägter, weil die Teilnehmer:innen zeitlich näher zum untersuchten Geschehen Auskunft über ihr entsprechendes Verhalten bzw. ihr kognitives und emotionales Erleben geben. Eine Intervalltagebuchstudie zur Podcastnutzung könnte also beispielsweise vier Zeitabschnitte im Laufe des Tages definieren: 6.00 bis 10.00 Uhr, 10.00 bis 14.00 Uhr, 14.00 bis 18.00 Uhr und 18.00 bis 22.00 Uhr. Über mehrere Tage hinweg würden die Teilnehmer:innen dann jeweils zum Ende eines Intervalls, also um 10.00, 14.00, 18.00 und 22.00 Uhr, aufgefordert, darüber zu berichten, ob sie in den vorhergehenden vier Stunden Podcasts gehört haben und wenn ja, welche sie ausgewählt haben, wie lange die Nutzung insgesamt gedauert hat etc.
Im Unterschied zu Tagebuchstudien, die längere Zeitintervalle bis hin zu einem ganzen Tag abdecken, konzentrieren sich ESM-Studien auf eine bestimmte Situation oder einen bestimmten Moment, über den die Teilnehmer:innen Auskunft geben. Sie werden über mehrere Tage hinweg mehrmals täglich aufgefordert, Auskunft über ihr Verhalten, ihre Kognitionen und Emotionen zu geben. Im Unterschied zu Tagebuchstudien interessieren in ESM-Studien jedoch nicht Verhalten, Kognitionen oder Emotionen über einen längeren Zeitabschnitt hinweg, sondern nur das Erleben in einem konkreten Moment oder in einem kurz zurückliegenden Zeitabschnitt. Der In-situ-Charakter dieser Studien ist also nochmals deutlicher ausgeprägt, weil die Selbstauskunft unmittelbarer an das kognitive bzw. emotionale Erleben der Teilnehmer:innen anschließt.
Auch bei ESM-Studien lassen sich mehrere Unterformen unterscheiden. Wir differenzieren wiederum in Anlehnung an Schnauber-Stockmann und Karnowski (2020; siehe auch Masur, 2019) drei Unterformen: echte ESM, Quasi-ESM und ereignisabhängiges ESM.
Echte ESM-Studien fordern die Teilnehmer:innen über mehrere Tage hinweg mehrmals täglich zu zufällig ausgewählten Zeitpunkten auf, Auskunft über ihr Verhalten, ihre Kognitionen und Emotionen in exakt diesem Moment zu geben (Kubey et al., 1996). Die Grundidee dieser Form der Datenerhebung besteht darin, durch die zufällige Auswahl von Situationen aus dem Alltag der Teilnehmer:innen ein repräsentatives Abbild dieses alltäglichen Verhaltens, der Kognitionen und Emotionen zu generieren (zur Stichprobenziehung auf Situationsebene siehe Abschnitt 6.3). Das tatsächlich zu messende Phänomen und die Selbstauskunft der Teilnehmer:innen fallen in echten ESM-Studien also zeitlich zusammen. Eine echte ESM-Studie zur Podcastnutzung könnte die Teilnehmer:innen über mehrere Tage hinweg beispielsweise dreimal am Tag alarmieren (zur technischen Umsetzung siehe Abschnitt 6.3.2.1) und fragen, ob sie exakt in diesem Moment einen Podcast nutzen, in welcher Umgebung sie sich gerade befinden, wie sie sich gerade fühlen usw.
Wenn aber die Teilnehmer:innen ausschließlich Auskunft über den aktuellen Moment geben, stellt dies manche Forschungsarbeiten vor Herausforderungen. Denn nicht selten untersucht die KMW nur gelegentlich auftretende Phänomene. Beispielsweise hören die meisten Menschen Podcasts nur in wenigen Momenten des Tages. Wenn wir uns also nur für das kognitive und emotionale Erleben interessieren, während die Befragten Podcasts nutzen (und nicht für Nichtnutzungssituationen), sind nicht alle der zufällig aus dem Alltag gezogenen Situationen für unser Forschungsinteresse relevant. Im Gegenteil, vermutlich werden die Teilnehmer:innen überwiegend berichten, dass sie jetzt gerade in diesem Moment keinen Podcast hören und daher auch keine weiteren Auskünfte geben können, die für unser Forschungsinteresse relevant wären. Aus diesem Grund sind viele erhobene Messungen wertlos.
Quasi-ESM-Studien sollen dieses Problem abmildern, indem die Teilnehmer:innen ebenfalls über mehrere Tage hinweg mehrmals täglich alarmiert werden. Allerdings werden sie nicht aufgefordert, über den aktuellen Moment Auskunft zu geben, sondern über die zuletzt zurückliegenden Situation, die für das Forschungsinteresse relevant ist. Dabei schränken die Studien üblicherweise ein, wie weit diese Situation maximal zurückliegen darf, beispielsweise innerhalb der letzten 30 Minuten, innerhalb der letzten zwei Stunden oder auch seit dem vorhergehenden Signal. Durch diese Einschränkung versuchen Quasi-ESM-Studien den In-situ-Charakter der Datenerhebung, also die möglichst große Nähe zwischen dem untersuchten Phänomen und der Selbstauskunft darüber, zu bewahren, gleichzeitig aber mehr relevante Situationen einzubeziehen. In der Podcastingstudie, die uns in diesem Buch als durchlaufendes Beispiel dient (siehe Studiensteckbrief), wurden die Teilnehmer:innen über zwölf Tage hinweg viermal täglich zu zufälligen Zeitpunkten alarmiert und um Selbstauskunft gebeten. Sie wurden aufgefordert, an den Zeitraum seit dem letzten Signal zurückzudenken und anzugeben, ob sie in dieser Zeit einen True-Crime-Podcast gehört haben. Falls die Teilnehmer:innen die Frage bejahten, wurden sie gebeten, sich an diese Situation zu erinnern und weitere Fragen dazu zu beantworten.
Im Unterschied zu echten ESM-Studien und Quasi-ESM-Studien stützt sich die Auswahl der zu berichtenden Situationen bei ereignisabhängigen ESM-Studien allein auf den Alltag der Teilnehmer:innen. Die Selbstauskünfte finden wiederum über mehrere Tage hinweg zu verschiedenen Zeitpunkten statt. Die Teilnehmer:innen werden aber nicht anhand eines vordefinierten Stichprobenplans (vgl. Abschnitt 6.3) alarmiert, sondern die Selbstauskünfte orientieren sich an Ereignissen im Alltag der Teilnehmer:innen, indem sie z. B. gebeten werden, immer dann ein Protokoll auszufüllen, wenn sie eine Podcastepisode gehört haben. Die Teilnehmer:innen geben also immer dann Auskunft, wenn ein für das Forschungsinteresse relevantes Ereignis auftritt. Ähnlich wie bei echten ESM-Studien fallen bei ereignisabhängigen ESM-Studien das untersuchte Phänomen und die Selbstauskunft nahezu zusammen. Der Unterschied besteht darin, dass der Zeitpunkt, zu dem die Selbstauskunft stattfindet, nicht zufällig ausgewählt wird, sondern sich aus dem Alltag der Teilnehmer:innen ergibt.
In-situ-Studien lassen sich in Tagebuch- und ESM-Studien einteilen. Hinsichtlich ihres In-situ-Charakters, also konkret hinsichtlich der zeitlichen Nähe von Situation und Messung, unterscheiden sich die verschiedenen Formen: Während Tagebuchstudien sich rückblickend auf ganze Tage oder Zeitintervalle während eines Tages beziehen, legen ESM-Studien den Fokus auf spezifische Momente im Alltag der Teilnehmer:innen. Der In-situ-Charakter von ESM-Studien ist daher deutlicher ausgeprägt als derjenige von Tagebuchstudien.
