1 Einführung
1.1 Komplexe Medienumgebungen und die Untersuchung von Situationen
Auf dem Weg zur Arbeit in der S-Bahn einen unterhaltsamen Podcast hören, dabei auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk durch Instagram scrollen und parallel eine private WhatsApp-Konversation im Gruppen-Chat führen, anschließend am Büroschreibtisch berufliche E-Mails lesen, während diverse Kurznachrichtendienste Meldungen zum aktuellen politischen Geschehen pushen, in der Mittagspause die letzte Folge der Lieblingsserie auf dem iPad verfolgen – das sind heutzutage gewöhnliche Mediennutzungssituationen. Sie sind geprägt von flächendeckender Verbreitung unterschiedlicher Medienangebote, ihrer ständigen Verfügbarkeit und mobilen Nutzungsmöglichkeiten, konvergenter Technik, flüchtigen Inhalten und zum Teil sehr kurzen Nutzungsepisoden. Mit anderen Worten: Sie zeichnen sich durch hohe situative Unterschiedlichkeit aus. Die Nutzung variiert zwischen aktiven und passiven, rezipierenden und produzierenden, synchronen und asynchronen Formen der Kommunikation sowie zwischen auditiven, audiovisuellen und visuellen Modi. Sie erstreckt sich über eine Vielzahl von Plattformen und umfasst professionelle ebenso wie nutzergenerierte Inhalte. Die Nutzenden selbst befinden sich in wechselnden räumlichen, zeitlichen und sozialen Kontexten. Damit entsteht eine noch nicht dagewesene Vielfalt von Nutzungsmustern, die situativ erheblich variieren.
Auswahl, Rezeption und Wirkung von Medien beruhen damit nicht nur auf den individuellen Merkmalen und Präferenzen der nutzenden Person, sondern maßgeblich auch auf den situativen Bedingungen (Karnowski et al., 2019): Ob uns ein True-Crime-Podcast in die Geschichte transportiert, hängt nicht nur von unseren Genrevorlieben oder von unserer grundsätzlichen Disposition ab, uns in Geschichten zu versenken (der sog. Transportabilität, Dal Cin et al., 2004) , sondern z. B. auch von der Länge der Nutzungsepisode, unserer momentanen Aufmerksamkeit und dem Ablenkungspotenzial durch Umgebungsgeräusche oder Parallelbeschäftigungen. Für eine empirisch adäquate Abbildung dieser komplexen Mediennutzungssituationen ist es nötig, auf Messverfahren zurückzugreifen, die die Situation erfassen können. Darum geht es in diesem Buch: Im Fokus steht die Untersuchung von Mediennutzungssituationen, die sowohl von externen Kontextmerkmalen wie dem Aufenthaltsort, den medienseitigen Kontextmerkmalen, etwa dem verwendeten Abspielgerät, als auch von internen Aspekten der Nutzenden wie der psychischen Verfassung, also z. B. von ihrer aktuellen Stimmung, geprägt sind. Auf diese Gemengelage muss die wissenschaftliche Forschung angemessen reagieren, um das Mediennutzungsverhalten valide und reliabel abzubilden. Eine Möglichkeit besteht darin, wiederholt einzelne Situationen möglichst unmittelbar während ihres Geschehens zu erfassen – daher der Begriff „in-situ“ –, statt sich auf rekonstruierende Aussagen der Nutzer:innen zu verlassen (vgl. Naab et al., 2019; Shalev et al., 2025).
Ein solcher methodischer Zugang ermöglicht die Bearbeitung von Forschungsfragen nach situativen Unterschieden in der Mediennutzung – nicht nur, aber auch im Verhältnis zu interindividuellen Differenzen. Dieser Aspekt ist sowohl theoretisch als auch methodisch von entscheidender Bedeutung (Schnauber-Stockmann et al., 2025). Abbildung 1.1 verdeutlicht dies: Die linke Seite der Abbildung zeigt, dass sich Mediennutzung zum einen zwischen Personen unterscheiden kann (Personenebene). So haben manche Menschen z. B. eine grundsätzliche Vorliebe für Podcasts (symbolisiert durch die Kopfhörer), andere aber nicht. Die rechte Seite illustriert die Situationsebene: Die Person in der obersten Zeile ist z. B. kein Podcastfan (links) und nutzt dieses Medium auch nie (rechts), während die Person in der zweiten Zeile eine ausgeprägte Vorliebe hat, die sie im Tagesverlauf konstant auslebt. Bei diesen beiden Personen zeigt sich keine Variation auf der Situationsebene – die eine Person hört nie, die andere hört immer Podcasts. Anders sieht es bei den Personen in der dritten und vierten Zeile aus: In beiden Fällen variiert die Podcastnutzung je nach Situation.
Studien können so angelegt werden, dass die Personenebene, also die sog. interindividuelle Varianz im Vordergrund steht. Dieser Fall liegt bei herkömmlichen querschnittlichen Befragungen vor, in denen Personen hinsichtlich ihrer Kognitionen, Emotionen oder Verhaltensweisen miteinander verglichen werden. Situative Besonderheiten spielen i. d. R. keine Rolle, die Abfrage erfolgt generalisiert („im Durchschnitt“, „üblicherweise“, „im Allgemeinen“). Fragt man sich aber, ob die Auswahl eines bestimmten Podcasts neben generellen persönlichen Präferenzen (also z. B. der Vorliebe für das Genre True Crime) auch mit externen oder internen situativen Gegebenheiten (also z. B. dem Pendeln in einer voll besetzten S-Bahn oder dem akuten Bedürfnis nach ein paar Minuten Ruhe) zusammenhängt, geht es um die intraindividuelle Varianz. Hier spielt neben der Personen- auch die Situationsebene eine Rolle für das Verständnis von Mediennutzung und situativ variierende Faktoren müssen miterfasst werden, und zwar wiederholt. Teilnehmer:innen an solchen Studien werden über einen längeren Zeitraum mehrmals gebeten, über ihre aktuelle Mediennutzung, Stimmung, ihren Aufenthaltsort etc. zu berichten. So erhalten die Forschenden einen Einblick in den (vielfältigen) Alltag der Teilnehmer:innen. Forschungsfragen nach der intraindividuellen Varianz stehen im Mittelpunkt dieses Buches.
Forschungsfragen, die die intraindividuelle Varianz berücksichtigen oder beide Ebenen adressieren, müssen mit spezifischen Forschungsdesigns bearbeitet werden (Bolger & Laurenceau, 2013; Hektner et al., 2007; Kubey & Csikszentmihalyi, 1990; Mehl & Conner, 2012; Myin-Germeys & Kuppens, 2022b). Wir verwenden dafür den Oberbegriff In-situ-Studiendesigns und fokussieren dabei auf längsschnittliche Designs, in denen die Teilnehmer:innen wiederholt aufgefordert werden, entweder über ihre momentane situative Verfasstheit oder über einen spezifischen, aktuellen Zeitraum Auskunft zu geben.
In der KMW gibt es unterschiedliche Forschungstraditionen, die diese Verfahren anwenden und die wiederholt Selbstberichte über das alltägliche Leben der Teilnehmer:innen erheben (vgl. Schnauber-Stockmann & Karnowski, 2020). Darunter fallen zum einen Verfahren, die Bezeichnungen wie Experience Sampling Method (ESM, z. B. Larson & Csikszentmihalyi, 1983) bzw. aktueller Mobile Experience Sampling Method (MESM, vgl. Berkel et al., 2017), Ecological Momentary Assessment (EMA, z. B. Stone et al., 2023), Intensive Longitudinal Methods (z. B. Bolger & Laurenceau, 2013) oder Ambulatory Assessment (AA, z. B. Roekel et al., 2019) tragen. Diese Begriffe werden in der Methodenliteratur zwar weitgehend synonym verwendet, stammen jedoch aus unterschiedlichen Forschungstraditionen und setzen teilweise unterschiedliche Schwerpunkte – etwa stärker psychologisch (ESM), klinisch (EMA) oder mit breiterem Einbezug physiologischer Messungen (AA). Wir haben uns in Anlehnung an Schnauber-Stockmann und Karnowski (2020) entschieden, den Begriff Experience Sampling Method (ESM) zu verwenden, weil dieser in der KMW am weitesten verbreitet ist. Außerdem gehören zu In-situ-Studiendesigns auch Verfahren, die als Diary Method (z. B. Hoplamazian et al., 2018) bzw. Tagebuch bezeichnet werden. Sie unterscheiden sich von ESM-Designs u. a. durch ihren etwas schwächer ausgeprägten In-situ-Charakter (siehe Kapitel 2). Obwohl viele Aspekte in diesem Buch auch auf Tagebuchstudien angewendet werden können, liegt unser Fokus auf ESM-Designs. Darüber hinaus gibt es eine erhebliche Heterogenität der Vorgehensweisen, die wir im Verlauf des Buches ausführlich erklären.
1.2 Historie von In-situ-Verfahren
Die Geschichte situativer Feldforschungsmethoden lässt sich bis zu Brunswik (1955) und Lewin (1939) zurückverfolgen. Schon diesen Pionieren ging es im Kern darum, die Forschung sowohl räumlich als auch zeitlich enger an die Untersuchungsgegenstände zu binden. Sie verließen daher die Labore, um ihre Daten in der alltäglichen Lebenswelt zu erheben und so die externe Validität der Studien zu erhöhen. Auch in aktuellen In-situ-Studien geht es um die situative Kontextualisierung der untersuchten Konstrukte und darum, ein möglichst repräsentatives Abbild menschlicher Erfahrungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu ermitteln. Empirisch umgesetzt wird dies durch wiederholte Selbstberichte, entweder zu bestimmten, (häufig) zufällig gewählten Zeitpunkten oder anlässlich spezifischer Ereignisse (etwa der Nutzung einer Onlineplattform wie Spotify). Die Auslösung der Selbstberichte fand früher mithilfe eines Funkempfängers statt (z. B. ein Pager, vgl. Schlütz, 2002), heute wird dazu i. d. R. das Smartphone eingesetzt. Die Teilnehmer:innen werden gebeten, möglichst unmittelbar im Anschluss an ein entsprechendes Signal oder ein Ereignis einen kurzen Fragebogen auszufüllen. Auf diese Weise wird über die Zeit eine große Menge an situativen Daten von einer Reihe von Personen gesammelt.
Aufbauend auf dieser Grundidee waren In-situ-Designs Ende der 1970er Jahre zunächst vor allem in der Psychologie verbreitet (im Überblick vgl. Hektner et al., 2007). Vorreiter waren Csikszentmihalyi und Kolleg:innen, die ESM systematisch in der psychologischen Forschung einführten (vgl. z. B. Larson & Csikszentmihalyi, 1983). Im Fokus dieser Arbeiten standen sog. Flow-Erlebnisse im Alltag, also die Erfahrung von Selbstvergessenheit, die durch eine ideale Balance von Anforderung und Kompetenz ausgelöst wird (vgl. Csikszentmihalyi & Larson, 2014). Der Einsatz situativer Messungen diente dazu, besser zu verstehen, wie Menschen im Alltag funktionieren, was sie denken, fühlen und wie sie in bestimmten Situationen handeln. Csikszentmihalyi stellt hierzu fest: „One way to think about ESM is that it tries to provide psychology with a method and a theoretical perspective that makes it possible to study whole individuals functioning in their everyday environments, both as behaving organisms and as acting, conscious beings” (Hektner et al., 2007, S. 292). Obschon sich diese methodische Herangehensweise in der psychologischen Forschung früh etablierte, waren Medien lange Zeit kein Forschungsthema. Zu den Ausnahmen zählen eine Studie von Csikszentmihalyi und Kubey (1981) zur Nutzung des Fernsehens im Alltag und eine Arbeit von Kubey und Larson (1996) über die Nutzung neuer Medien durch Kinder und Jugendliche. In die KMW wurde das Forschungsdesign erst deutlich später eingeführt (Schlütz & Scherer, 2001). In diesen frühen Studien ging es vorwiegend um die Qualität von Erlebnissen und den Zusammenhang mit persönlichen Eigenschaften und bestimmten Situationskontexten. Erforscht wurden beispielsweise die Erlebnisqualität von Gaming (Schlütz, 2002) oder mobile Fernsehnutzung im Alltag (Karnowski & Von Pape, 2009). Heute werden ESM-Studien in der KMW für ein deutlich breiteres Themenfeld eingesetzt. Zahlreiche KMW-Studien befassen sich z. B. mit den situativen Bedingungen der Mediennutzung, etwa mit dem Ablenkungspotenzial von Smartphones (Siebers et al., 2024), den Effekten der Social-Media-Nutzung auf das situative Selbstwertgefühl (Desjarlais, 2024) oder Prokrastination (Meier, 2022). Weit verbreitet sind In-situ-Designs auch in der positiven Psychologie, wenn es um den Einfluss mobiler Mediennutzung auf das Wohlbefinden geht (z. B. Beyens et al., 2024; Johannes et al., 2021; Karsay et al., 2023; Meier, 2022). Eine Systematisierung von Forschungsfragen bietet Kapitel 3.
Rasant wächst in jüngerer Zeit die Anzahl der Studien, die In-situ-Designs einsetzen (Myin-Germeys & Kuppens, 2022a). Stone et al. (2023) beziffern die Gesamtzahl bis zum Jahr 2023 auf über 1.700 Publikationen, allein in den Verhaltenswissenschaften und im Gesundheitswesen (vgl. auch Gabriel et al., 2018 für die Organisationswissenschaft). Mit der wachsenden Anzahl der Studien differenziert sich das Forschungsfeld sowohl begrifflich als auch hinsichtlich methodischer Spezifika (Schnauber-Stockmann & Karnowski, 2020). Gemein ist aber allen In-situ-Designs, dass sie in der aktuellen Situation – d. h. in der natürlichen Umgebung und mit geringem zeitlichem Abstand – Kognitionen, Emotionen und Verhalten sowie den externen Kontext erfassen. Das Ziel lautet: “to capture daily life as it is directly perceived from one moment to the next” (Hektner et al., 2007, S. 6). Es geht also darum, die für die jeweilige Forschungsfrage zentralen Variablen auf der Situationsebene zu erfassen.
1.3 Zentrale Charakteristika von In-situ-Designs
Die Grundidee der situativen Messung wird in unterschiedlichen Disziplinen und Forschungstraditionen auf vielfältige Weise umgesetzt. Die Ansätze zeichnen sich durch eine Gemeinsamkeit aus: „people’s current experiences and behaviors are assessed repeatedly, in their natural environments, without or only with minimal latency” (Wilhelm et al., 2012, S. 62). Daraus ergeben sich spezifische Vor- und Nachteile, die hier nur kurz skizziert und in den Folgekapiteln ausführlicher behandelt werden. Die zentralen Vorteile sind:
In-situ-Studien erfassen relevante situative Merkmale im Alltag selbst. Dadurch weisen sie eine hohe ökologische Validität auf – sie zeichnen sich durch ihre realitätsnahe Messung aus – gerade im Unterschied zu Laborexperimenten (siehe Abschnitt 1.4).
Die Validität wird zudem durch Messwiederholung verbessert: Einmalige In-situ-Messungen haben mit der Einschränkung zu kämpfen, dass die erhobene Situation unter Umständen nicht typisch ist. Wiederholte Messungen decken verschiedene Situationen ab – im Idealfall sogar ein repräsentatives Abbild aller Situationen (siehe Kapitel 2 und Abschnitt 6.3).
Die situative Messung bringt Mediennutzung und Erhebung zeitlich enger zusammen, was die Reliabilität von Selbstberichtbefragungen verbessert, weil Erinnerungsverzerrungen und heuristische Antworteffekte minimiert werden (Naab et al., 2019; Shalev et al., 2025). Häufig sind alltägliche, „banale“ Nutzungsepisoden von Interesse, die sich retrospektiv schwer erfassen lassen, weil sie oft nicht so bewusst geschehen, dass sie verlässlich zu erinnern sind und berichtet werden können. Effekte selektiver Erinnerung begünstigen wichtige oder besondere Nutzungsepisoden, die aber tendenziell eher selten vorkommen. In-situ-Methoden, die die Mediennutzung wiederholt und situativ erfragen, können solche kognitiven Verzerrungen minimieren (siehe Kapitel 2).
Schließlich sind situative Längsschnittdesigns mit vielen Messzeitpunkten geeignet, die Dynamik interessierender Phänomene zu erfassen. Durch die hohe zeitliche Auflösung der Messungen können Entwicklungen beobachtet und zeitliche Zusammenhänge abgebildet werden. Die Befunde sind insbesondere für die Medienwirkungsforschung von Interesse (siehe Kapitel 3).
Diese Vorteile gehen mit spezifischen Nachteilen von In-situ-Designs einher (vgl. Masur, 2019; Schlütz & Scherer, 2001; Scollon et al., 2009):
Die Sicherstellung der Güte der Stichprobe hinsichtlich Größe und Repräsentativität ist eine große Herausforderung bei In-situ-Studien. Diese Einschränkung gilt sowohl für die Auswahl auf der Personen- als auch auf der Situationsebene. Denn der Aufwand für die Teilnehmer:innen ist hoch und die Teilnahmebereitschaft entsprechend gering (Smyth et al., 2021) (siehe Kapitel 6 und Kapitel 8).
Wie alle Befragungen, die auf Selbstauskunft beruhen, ist die Methode reaktiv, d. h. das Messverfahren beobachtet soziale Realität nicht nur, es verändert sie. Dadurch besteht die Gefahr, Forschungsartefakte zu verursachen. Durch die Dauer und Intensität der Selbstbeobachtung bei In-situ-Studien im Längsschnitt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Teilnehmer:innen durch die Messung für ihr Verhalten sensibilisiert werden, was zu systematischen Fehlern führen kann (siehe Abschnitt 6.3.2.2).
Wie alle Längsschnittdesigns sind In-situ-Studien auch für die Forschenden aufwändig. Neben dem Aufwand, der mit der Rekrutierung der Teilnehmer:innen und der Betreuung während der Feldzeit einhergeht (siehe Abschnitt 6.2.2.2 und Kapitel 8), müssen je nach Fragestellung auch die Besonderheiten der Datenaufbereitung und -auswertung bedacht werden (siehe Kapitel 9).
Diese Herausforderungen gilt es zu bedenken, wenn Forschende eine In-situ-Studie planen. Wir werden auf sie und den Umgang damit im Verlauf des Buches genauer eingehen. Abhängig vom jeweiligen Forschungsinteresse können die geschilderten Vorteile oftmals die Nachteile aufwiegen. Insbesondere für Fragestellungen, die sich auf das Medienhandeln im Alltag, auf situative Unterschiede und Zeitverläufe beziehen, sind In-situ-Designs den herkömmlichen Vorgehensweisen in vielerlei Hinsicht überlegen.
1.4 Abgrenzung zu anderen Erhebungsverfahren
Um ihre Einsatzmöglichkeiten besser zu verstehen, vergleichen wir im Folgenden wiederholte In-situ-Designs mit anderen Studiendesigns und arbeiten ihre besonderen Merkmale heraus.
Eines der am häufigsten gewählten Designs in kommunikations- und medienwissenschaftlichen Studien ist die Querschnittsbefragung. Einen ausführlichen Überblick über die Methode geben z. B. Möhring & Schlütz (2025). In solchen Befragungen berichten die Teilnehmer:innen einmalig über ihre Kognitionen, Emotionen und ihr Verhalten. Im Vergleich zu In-situ-Studien ist diese Vorgehensweise mit relativ geringem Aufwand verbunden. Wenn kein Forschungsinteresse an intraindividuellen Veränderungen über die Zeit hinweg besteht, ist das Design für viele Fragestellungen vollkommen ausreichend. Im Rahmen von Querschnittsbefragungen werden die Teilnehmer:innen in der Regel um retrospektive Einschätzungen gebeten (Ha et al., 2015). Solche Messungen sind vor allem für Konstrukte geeignet, bei denen geringe Erinnerungs- und Aggregationsfehler zu erwarten sind (siehe hierzu auch Abschnitt 3.1).
Zudem ist es möglich, im Rahmen einer Querschnittsbefragung nach dem aktuellen Moment (in situ) oder einer kurz zurückliegenden Mediennutzungsepisode zu fragen. In einer Studie zur Podcastnutzung könnten wir die Teilnehmer:innen beispielsweise bitten, eine konkrete, kurz zurückliegende Nutzungsepisode zu beschreiben. Dieses Vorgehen geschieht dann allerdings nur einmalig, die intraindividuelle Varianz kann also in Querschnittsbefragungen nicht erfasst werden.
In Panelbefragungen beantworten dieselben Personen über einen längeren Zeitraum hinweg mehrfach dieselben Fragen (im Überblick z. B. Eveland & Morey, 2010; Lynn, 2009; Scherer & Naab, 2013). Paneldesigns werden unter anderem eingesetzt, um intraindividuelle Veränderungen im Zeitverlauf zu erfassen. Zum Beispiel werden politische Präferenzen vor und während eines Wahlkampfs sowie nach der Wahl erhoben (z. B. in der Grundlagenstudie The People’s Choice, Lazarsfeld et al., 1944). So lässt sich die veränderliche Zustimmung zu Parteien und Themen nicht nur im Aggregat über alle Wähler:innen erkennen – dafür müsste man lediglich mehrere repräsentative Stichproben der Wähler:innen befragen, aber nicht notwendigerweise wiederholt dieselben Personen. Vielmehr können in Paneldesigns auch intraindividuelle Veränderungen der Präferenzen wie Wählerbewegungen von einer zur anderen Partei untersucht werden (z. B. Zimmermann & Kohring, 2020). Wiederholte In-situ-Befragungen decken sich insofern mit Panelerhebungen, als in beiden Designs dieselben Personen mehrfach Selbstauskünfte geben. Die meisten Panelstudien sind allerdings auf wenige Wiederholungen (sog. Panelwellen) beschränkt, während viele In-situ-Studien eine deutlich größere Anzahl von Messwiederholungen haben. Außerdem liegen die Panelwellen oft einige Wochen, wenn nicht sogar Jahre auseinander, während die Protokolle einer In-situ-Studie häufig mehrfach pro Tag ausgefüllt werden. Der Gesamterhebungszeitraum einer wiederholten In-situ-Studie ist damit auch deutlich kürzer (siehe aber sog. Measurement-Burst-Designs, Abschnitt 5.2). Fragen in Panelerhebungen zielen häufig nicht auf einen aktuellen Moment ab, sondern erfassen weniger fluktuierende Konstrukte, die vermutlich nicht von Moment zu Moment schwanken (z. B. Parteipräferenz).
In-situ-Studien, wie wir sie im vorliegenden Buch beschreiben, messen üblicherweise standardisiert. Das bedeutet, die Forschenden legen vorab einheitliche Verfahrensweisen für den Ablauf der Erhebung fest, die für alle Teilnehmer:innen gelten, insbesondere in Bezug auf die Formulierung und Reihenfolge der Fragen und Antwortmöglichkeiten. Das Ziel ist, die Vergleichbarkeit der Antworten sicherzustellen, so dass die Daten einer Vielzahl von Teilnehmer:innen und mehrerer Erhebungszeitpunkte statistisch verglichen werden können. Auch die Häufigkeit und der Zeitpunkt des Antwortens werden i. d. R. von den Forschenden vorgegeben (siehe Abschnitte 6.1 und 6.3). In täglichen Tagebuchstudien werden die Teilnehmer:innen beispielsweise gebeten, einmal täglich (häufig zu einem vorgegebenen Zeitpunkt, z. B. abends) einen vordefinierten Fragebogen auszufüllen. Offene bzw. qualitative Tagebücher (im Überblick z. B. Hyers, 2018; Wagner et al., 2022) haben dagegen ein geringeres Maß an Standardisierung. Die Teilnehmer:innen wählen selbst, wann sie etwas eintragen. Auch hinsichtlich der berichteten Erfahrungen sind sie freier. Entsprechend werden die Daten üblicherweise mithilfe qualitativer Methoden analysiert. Der Standardisierungsgrad ist abhängig vom Forschungsinteresse, vom Vorwissen über den Untersuchungsgegenstand, vom Interesse an den subjektiven Bedeutungszuschreibungen durch die Teilnehmer:innen und von der Absicht, die Ergebnisse zu verallgemeinern. Sowohl für offene als auch für hochgradig standardisierte Tagebücher und andere In-situ-Designs besteht die Gemeinsamkeit, dass sie sich auf Selbstberichte der Teilnehmer:innen stützen. Sie fertigen diese Selbstberichte in ihrer natürlichen Umgebung mit geringem Abstand zum berichteten Phänomen an. Der Erhebungszeitraum umfasst außerdem mehrere Tage, so dass auch intraindividuelle Unterschiede sichtbar werden. Ebenso wie quantitative In-situ-Studien verstärkt auf Smartphones als Erhebungstool setzen, stehen auch für offene Tagebücher Smartphoneanwendungen zur Verfügung (z. B. Koch et al., 2021; MeTag | MeSoftware, o. J.).
Bei Verfahren der digitalen Verhaltensbeobachtung (im Überblick z. B. Harari et al., 2016) geben die Teilnehmer:innen keine Selbstberichte ab, sondern ein beobachtbares Verhalten wird anhand digitaler Verhaltensspuren gemessen und aufgezeichnet. Diese Verhaltensdaten können unterschiedlicher Natur sein, wie Trace-Daten zur Online- oder Smartphonenutzung (z. B. Log-Files), Mobilitätsdaten, die per GPS von Smartphones oder Wearables aufgezeichnet und übermittelt werden, oder Social Sensing, bei dem per Bluetooth ermittelt wird, in welchen sozialen Konstellationen eine Person sich befindet (siehe z. B. Harari et al., 2016; Harari et al., 2017; Keusch & Kreuter, 2021; Müller et al., 2021; Ohme et al., 2024). Wie bei In-situ-Studien findet die Datenerhebung in natürlicher, alltäglicher Umgebung statt. Den Daten wird aus diesem Grund eine hohe ökologische Validität zugeschrieben. Außerdem werden Limitationen von Selbstauskünften wie Erinnerungsfehler, sozial erwünschtes Antwortverhalten und Aufwand für die Teilnehmer:innen verringert. Allerdings muss sich die Erhebung auf Konstrukte beschränken, für die es valide apparativ beobachtbare Indikatoren gibt.
